Schulhof

Ein Schulhof der seinesgleichen sucht

Unser Schulhof liegt sehr naturnah an einem kleinen Waldgebiet. Bevor wir mit unserem Schulhofprojekt anfingen, gab es lediglich zwei kaputte Tore auf einer Wiese und ein Klettergerüst. Es waren weder Sitzgelegenheiten zum Entspannen noch Spiel- und Klettermöglichkeiten zum Austoben und Erproben in Sicht. Die meisten Schüler standen einfach nur irgendwo auf dem Gelände herum und warteten das Ende der Pause ab. Einige machten ihrem Bewegungsdrang Luft, indem sie auf die Bäume unseres Schulgeländes kletterten, was ihnen dann zu meist von der aufsichtführenden Lehrkraft untersagt wurde. Im Innenhof standen zu diesem Zeitpunkt bereits drei Tischtennisplatten. Da es sich hierbei um die einzige Attraktion im Innenhof handelte, waren das Gedränge und der Streit nahezu  jede Pause vorprogrammiert. Alles in allem ist unser Schulhof wunderschön gelegen, es mangelte aber an Möglichkeiten für die Schüler sich in den Pausen auszutoben, ihre Motorik zu erproben, Naturerfahrungen zu machen, oder sich zu entspannen. Zudem fehlte die Möglichkeit, den Unterricht  bei schönem Wetter nach draußen zu verlegen.

Zusammen mit unseren Schüler-innen, Eltern und Lehrer-innen haben wir, unterstützt durch die Idennwerkstatt Lebens(t)raum e.V., einen Planungsabend organisiert. Im Zuge dieses Abends wurde zusammen fleißig gebastelt. Es entstanden in Gruppen drei Modelle, wie wir uns unseren Schulhof vorstellen können. Aus diesen drei Modellen wurde an dem Abend ein Konsensmodell erarbeitet, daraus resultierte   ein Freiraumkonzept für unseren Schulhof, der seines Gleichen sucht. An diesem Abend war die Begeisterung und Motivation so unedlich groß, so dass niemand nach Hause wollte. Es wurde gestaltet, gebastelt, gezeichnet, diskutiert und gefragt. Es war einfach wunderbar dies zu beobachten. An diesem Abend wurde gemeinsam Schule gestaltet!

Es sollte ein Schulhof entstehen, der unseren Schüler-innen Möglichkeiten bietet, ihrem Bewegungsdrang freien Lauf zu lassen, Naturerfahrungen zu sammeln, sich auszuprobieren und sich zu erproben. Gerade in der heutigen mit medialen Eindrücken überfluteten Zeit soll unseren Schüler-innen eine Alternative angeboten werden, um sie wieder daran zu erinnern, dass klettern, spielen, toben, auch mal hinfallen, dreckig werden, etc.  Spaß macht und für die gesunde Entwicklung der Kinder wichtig ist. Es soll die Möglichkeit geschaffen werden, den Unterricht auch bei Gelegenheit an die frische Luft zu verlegen. Wenn man ein Arbeitsblatt durch die anfassbare Natur ersetzen oder ergänzen kann, dann hat man schon in vielerlei Hinsicht gewonnen.
Doch auch die Planung sowie die praktische Umsetzung sollte etwas bewegen. Schule soll als Lebensraum begriffen und empfunden werden, indem Schüler-innen, Eltern und Lehrer-innen aktiv an der Planung und Gestaltung mitwirken.
Wenn Schüler-innen, Eltern und Lehrer-innen gemeinsam etwas schaffen und am Ende von dem Ergebnis überwältigt sind, dann entsteht ein ganz besonderes Wir-Gefühl, getragen von Respekt, Vertrauen und einem gemeinsamen Stolz. Es wird ein Zeichen  für ein positives Miteinander gesetzt. Dieses Gefühl blieb auch bei all den erfolgten Baueinsätzen erhalten. Es wurde gemeinsam gearbeitet, gegessen und gelacht. Es sah aus wie auf einem Ameisenhaufen. Alle sägten, hämmerten, schleppten, schaufelten. Einige Schüler-innen verteilten Hackschnitzel als Fallschutz,  fuhren beladen mit anderen Schüler-innen , die in den Schubkarren saßen ein Rennen zurück zum Hackschnitzelhaufen und dann ging es voll beladen , dieses Mal mit Hackschnitzeln, zurück zur Baustelle. Es war wunderbar anzusehen! Unser 10er-Jahrgang hat eine ganze Woche lang im Innenhof mit Tischlern, Garten-Landschaftsbauern und Kunstlehrern Holz gesägt, geschraubt, Masken gestaltet und Mosaike geklebt. Alle haben fleißig mit angepackt und viele neue Erfahrungen gesammelt und sich so,  an unserer Schule verewigt, bevor sie in ihren neuen Lebensabschnitt starteten.
Nach mehreren Wochenendeinsätzen und Schülerprojektbeteiligungen sind Bereiche auf unserem Schulhof entstanden, die zum Unterricht unter blauem Himmel einladen und bei schönem Wetter von allen Kollegen fleißig genutzt werden. Die Schüler-innen genießen es, den Klassenraum zu verlassen und sich in eine naturnahe Umgebung zurückzuziehen, um Aufgaben zu lösen, Plakate anzufertigen oder diese vorzustellen. Auch Unterrichtsgespräche an der frischen Luft werden gleich für alle viel schöner, wenn man es im Schatten eines großen Baumes an der warmen Sommerluft führt.

Es entstand ein Bewegungsrundparcour mit 15 Bewegungseinrichtungen, der unseren Schülern in den großen Pausen ausreichend Bewegungsaktivität bietet. Wer jedes Gerät einmal benutzt, kommt am Ende der Pause am Ziel an und kann entspannt in den Unterricht zurückkehren.

Alles, was wir bis dato zusammen erschaffen haben, fiel  nie dem Wandalismus zum Opfer oder wurde mutwillig beschädigt. Ebenso ändert sich das Verständnis für "Schule" bei allen. Ein starkes Wir-Gefühl, Vertrauen und eine positive Einstellung machen sich breit und wirken sich auch auf den alltäglichen Unterricht aus. Kein du und ich, sondern ein Wir! Wir machen gemeinsam Schule.
Da unser Schulhof an ein kleines Waldgebiet grenzt, entdecken wir mit unseren Bioklassen/-kursen bei jeder Gelegenheit die Stockwere des Waldes, sammeln Blätter für eine Zersetzungsreihe, zeichnen Spinnennetze, entdecken Käfer und vieles mehr.

Es handelt sich bei unserem Schulhof um Teilflächen auf unterschiedlichen Höhen. Hinsichtlich dieser Flächen ist uns kein vergleichbarer Schulhof bekannt. So geht man von einem Innenhof wahlweise über einen Weg oder eine Treppe nach oben auf das hintere Gelände. Hier kann man wiederum runter auf eine tieferliegende Fläche gelangen, auf der sich der Boltz- sowie der Beachvolleyballplatz befinden. Worte werden dem Gelände eigentlich nicht gerecht. Raben auf Pfeilern begrenzen das Pausengelände, da ein Zaun nicht in die naturnahe Umgebung passen würde und bei der Größe ein hoher finanzieller Aufwand bedeuten würde.

Unser Schulhof ist jederzeit frei zugänglich. Kommt man nachmittags zur Schule, so  ist man selten allein auf unserem Schulhof. Familien mit ihren Kindern kommen zum Spielen, Gruppen sind auf dem Beachvolleyballfeld aktiv  und im Winter ist der "Rodelhügel" praktisch ausgebucht.
Als ich einmal in Damme einkaufen ging, traf ich eine Schülerin mit ihrem kleinen Bruder und als ich fragte, wohin sie denn unterwegs seien, sagten sie, sie wollten zur Schule zum Spielen.

Schule wird endlich zu einem Lebensraum, in dem sich die Menschen wohl fühlen, anstatt ihn  fluchtartig zu verlassen, sobald sich die Möglichkeit dazu bietet.